Dec 8, 2006

Der Kultur geht es gut in Rheinland-Pfalz – Jugendkunstschulen als neuer Schwerpunkt

Rede im Landtag zum Bereich "Kultur" bei den Beratungen des Haushalts 2007/08 am 7. Dezember 2006

Ich möchte Ihnen gerne anhand der beiden Bereiche, zu denen wir Anträge gestellt haben, die kulturpolitischen Positionen der SPD nahebringen.

Wir wollen, um es in einem Satz zu sagen, Kulturelle Bildung als Gut betrachten, an dem alle Menschen in der demokratischen Gesellschaft Teil haben sollen und mit dem die Menschen bewusst Leben mitgestalten, und wir wollen, dass unser Kulturelles Erbe als Wert angesehen wird, den wir zu achten und zu bewahren haben.

Deshalb wollen wir, ein großer Wurf(!), Jugendkunstschulen in Rheinland-Pfalz einrichten, und deshalb wollen wir, dass alte, vom Zerfall bedrohte Handschriften und Bücher restauriert werden und dadurch der interessierten Öffentlichkeit präsentiert werden können.

Beides könnte man - in Zeiten straighter Karriere- und Nützlichkeitserwägungen - für ziemlich altbacken und unangesagt halten. - Deshalb ist es so wichtig!

Kultur und Kunst haben durchaus die Aufgabe, unzeitgemäß zu sein, und das vermeintlich Sperrige und Überholte kann gerade das sein, was der Gesellschaft gut täte. Konkret: unsere Gesellschaft ist besser, wenn junge Menschen die Chance haben, neben dem herkömmlich für wichtig erachteten Bildungskanon auch Fähigkeiten zu entwickeln, die Kreativität, Empathie, solidarisches Miteinander fordern und fördern.

Wir haben die begründete Hoffnung - und viele Beispiele belegen dies - , dass Kinder, die sich gemeinsam musikalisch und künstlerisch-gestalterisch betätigen, sich besser zurechtfinden in unserer schwierigen Welt, besser miteinander kommunizieren - und, weil es vielen doch das Wichtigste scheint in PISA-Zeiten - auch klüger werden, d.h. Ihren Verstand besser entwickeln.

Unsere Musikschulen, auf deren Arbeit wir stolz sind und die wir als einen Kooperationspartner, vielleicht auch Träger der Jugendkunstschulen sehen, zeigen diese Erfolge schon.

Diese Chance, denken wir, ist eine besondere konzeptionelle, auch finanzielle Anstrengung wert, dafür wollen wir im nächsten Doppelhaushalt eine Viertelmillion an zusätzlichen Mitteln bereitstellen. Wir laden Sie herzlich dazu ein, das mit uns gemeinsam zu beschließen und sich mit uns Gedanken zu machen über eine weitere Ausgestaltung der kulturellen Jugendbildungsarbeit, die von Ort zu Ort verschieden sein kann und muß.

Dabei sollen bestehende Initiativen einbezogen werden, von der Malschule, die die Künstlerin in ihrem kleinen Atelier betreibt, über die traditionsreiche Offene Werkstatt, die es in meinem Heimatort Bad Dürkheim seit über dreißig Jahren gibt, bis zur großen Jugendkunstwerkstatt in Koblenz. Aber es ist durchaus Platz und Bedarf für neue Ideen, neue Trägerschaftskonzepte, ob von Vereinen, Stiftungen, Kommunen. Bewußt sollen unterschiedliche Modelle und Schwerpunktbildungen erprobt werden.

Mechthild Eickhoff, die Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Jugendkunstschulen, hat uns bei einer Veranstaltung in Mainz zu Beginn dieses Jahres die entscheidende Motivation geliefert, dieses Vorhaben für unser Bundesland anzugehen.

Ihr Credo kann dabei eine gute Richtschnur sein, sie sagt: „Kultur bleibt nur lebendig, wenn wir uns nicht nur als Kulturrezipienten, sondern auch als Kulturproduzenten verstehen. Dies gilt nicht nur für professionelle Künstler, sondern für die Kultur als symbolische Verhandlung von Leben mit künstlerischen Mitteln, als Persönlichkeitsstärkung, als Respekt vor der individuellen Gestaltungskraft jedes Einzelnen und speziell der Kinder und Jugendlichen.“

Der zweite Bereich, den ich ihrer besonderen Aufmerksamkeit anempfehlen möchte, ist unser Kulturelles Erbe.

Jetzt sollte man ja meinen, das sei bei Konservativen besonders geachtet. Umso mehr mußte man sich wundern, dass ausgerechnet das reiche Musterländle Baden-Württemberg tatsächlich daran dachte (und es plante), wertvolle Handschriften schnöde zu verscherbeln, um zwielichtige Rechtsansprüche eines in Finanznot geratenen Fürstenhauses befriedigen zu können. Man hätte sich nicht getraut, diese peinliche Sache zu erfinden.

Eduard Beaucamp schreibt dazu in der FAZ: „Die Politiker, die hier vorschnell und hemmungslos die Axt anlegen, sind übrigens die gleichen, die in Sonntagsreden heuchlerisch Traditions- und Wertebewusstsein einklagen und über die Bildungsverluste lamentieren.“ (6.10.2006)

Der Protest war erfreulich einhellig und bundesweit, der Rückzieher beflissen – und entsprechend unglaubwürdig. Also: Wir sollten aufmerksam bleiben - und „Gegenbilder“ entwickeln.

Dazu, sicher auch, aber nicht nur symbolisch, unser Antrag, Mittel für die Restaurierung in Bibliotheken zur Verfügung zu stellen. Es muss ein öffentliches Bewußtsein geben für den Wert dieses Erbes.

Wir müssen damit übrigens keinesfalls die Verantwortlichen in den Einrichtungen wachrütteln; sie wissen sehr wohl um die Gefahren, die altem Papier drohen. Es gibt dankenswerterweise viele Eigeninitiativen dem entgegenzuwirken. Eindrucksvolle Beispiele haben wir vor kurzem, präsentiert von der Mainzer Stadtbibliothek, in unserer Lobby gesehen.

Auch hier geht die Einladung an das ganze Haus, diese Initiative zu unterstützen. Es wäre schön, wenn wir uns einig wären, dass unser Kulturelles Erbe besondere Aufmerksamkeit verdient und wir vergleichsweise viel Geld unspektakulär ausgeben müssen, um es zu erhalten.

Lassen Sie mich kurz einige Punkte ansprechen, die unsere kulturpolitische Arbeit in den letzten Jahren geprägt haben und die uns auch weiterhin beschäftigen werden.

Bei dieser Gelegenheit danke ich unserem ehemaligen Kulturminister Jürgen Zöllner, der, entgegen manch oberflächlicher Betrachtung, sehr wohl einen Begriff davon hatte, welche Bedeutung der Kulturbereich für unsere politische Arbeit und – was wichtiger ist – für die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt hat.

Dass daraus resultierende Entscheidungen nicht auf den ersten Blick „schön“ erscheinen mußten, liegt an unseren finanziellen Möglichkeiten, nicht an libidinösen Einschätzungen von politisch Verantwortlichen.

Wir haben in der Orchesterstrukturreform einen Weg beschritten, der bundesweit als vorbildlich angesehen wird, die Strukturreform bei den Bibliotheken, da kenne ich mich als Vorsitzender des Bibliotheksverbandes Rheinland-Pfalz ein bißchen aus, ist erfolgreich umgesetzt worden, und: die Organisationsreform im Bereich der Museen und der Denkmalpflege ist notwendig und wird ebenso erfolgreich sein, wenn alle Beteiligten sich engagieren und kooperieren.

Ich bedanke mich bei Jürgen Zöllner, dessen intellektuelle Lust an der Innovation auch dem Kulturbereich gut getan hat, und dessen Bemühen um Ausgleich uns auch in Zukunft Vorbild für unsere Auseinandersetzung sein sollte.

2007 wird ein großes Rheinland-Pfalz-Kulturjahr mit spektakulären Ereignissen:

Wir beteiligen uns an der „Kulturhauptstadt Europas“ Luxemburg mit einer großen Konstantin-Ausstellung in Trier.

Wir erinnern an das „Hambacher Fest“, die erste demokratische Manifestation des Volkswillens auf deutschem Boden vor 175 Jahren – in der Pfalz, versteht sich ...

Wir eröffnen, wunderbar(!!), das Arp-Museum am Bahnhof Rolandseck mit einer ersten Präsentation, die sicher viel Aufmerksamkeit erregen wird. Das Konzept hat uns der künstlerische Leiter, Herr Gallwitz, vor kurzem in der Kuratoriumssitzung vorgestellt.

Lassen Sie mich noch ein Beispiel erfolgreicher Kulturarbeit nennen, das seinen Ausgangspunkt sogar bei einer Regierung hatte, an der die SPD nicht beteiligt war (das gab es) - die „Villa Musica“ feierte vor kurzem 20. Geburtstag.

Sie war wohl ursprünglich konzipiert, habe ich gelesen, als Ersatz für die fehlende Musikhochschule in Rheinland-Pfalz. - Und die haben wir jetzt auch!

Vor kurzem wurde der erste Spatenstich für den Neubau auf dem Uni-Campus getätigt. Ich zitiere, und würdige damit auch ausdrücklich, den Dekan, Herrn Prof. Blume, der gesagt hat: „Wissenschaft und Kunst sind dadurch in einem ständigen anregenden Dialog, der durch den Standort auf dem Campus, mit dem einer meiner größten Wünsche in Erfüllung gehen wird, noch gefördert wird.“ (Jogu, 198/2006)

Übrigens: Vor wenigen Tagen hatten wir in der Staatskanzlei die Akademiepreisverleihung an Frau Prof. Claudia Eder, Gesangspädagogin an der Hochschule für Musik. Es sangen herausragende junge Künstlerinnen und Künstler, die sie ausgebildet hat - Kultur und Wissenschaft auf höchstem Niveau.

Herr Frederiksen von der AZ hat vor kurzem zum Abschluß der ersten Renovierungsarbeiten im Landesmuseum Mainz geschrieben: „Geld müsste man haben. Während landauf, landab die Mittel knapp und knapper werden und vielerorts unverblümt über Orchesterzusammenlegungen und Theaterschließungen nachgedacht wird, sind in Mainz die Rahmenbedingungen für die Kultur besser als je zuvor.“ (14.11.2006)

Überschrift: „Gegen alle Trends“

Er erinnert, das war damals auch schon gegen den Trend, an das neue Schauspielhaus beim Mainzer Theater und das generalsanierte Große Haus - man könnte dazu setzen die geplante Kunsthalle in Mainz in Kooperation von Stadt und Land und viele weitere Projekte überall im Land (z.B. die Landesmusikakademie Engers oder das Gott sei Dank erhaltene Künstlerhaus Balmoral in Bad Ems) - der Kultur geht es gut in Rheinland-Pfalz!

Es gibt ein Ministerium in Rheinland-Pfalz (dessen neuen Namen ich noch nicht so richtig „draufhabe“) , das als krönenden Abschluß im Namen die „Kultur“ trägt. Wir haben eine Kulturministerin, das gibt es nicht in jeden Bundesland, - ich wünsche ihr Erfolg und Freude beim neuen Amt - einen Staatssekretär, der sich vor allem um Kulturelles kümmert, an Kulturellem interessierte und aufmerksame Landtagsabgeordnete - das ist gut so.

Ich danke Ihnen.

Anträge des SPD zur Landeskulturpolitik

568-15.pdf