Jun 7, 2007

Renate Wiedemann – Beglückendes Ende

Renate Wiedemann
„Beglückendes Ende“

Eröffnung:
14. Juni 2007 um 19.30 Uhr

Es sprach:
Ullrich Hellmann, Professor an der Akademie für Bildende Künste der Universität Mainz

Ausstellungsdauer:
14. 06. bis 11. 07. 2007

Öffnungszeiten:
Montag – Freitag 9.00 Uhr – 17.00 Uhr und nach Vereinbarung

Ort:
Abgeordnetenhaus des Landtags,
Kaiser-Friedrich Str. 3, 55116 Mainz

Biografie Renate Wiedemann

Prof. Ulrich Hellmann bei der Eröffnungsrede mit der Künstlerin Renate Wiedemann

Auszüge aus der Rede von Prof. Hellmann:

Buchstaben und Sätze neigen als Stellvertreter für Laute und Bedeutungen zur Immaterialität und beanspruchen deshalb körperlich substanzell eigentlich nichts. Bildhauerei aber hat – auch heute noch – mit Körper, Raum und Volumen zu tun, mit Gewicht Schwerkraft und Material. Die Bildhauerin Renate Wiedemann gibt den Buchstaben und den aus diesen gebildeten Worten und Sätzen einen Körper und macht sie damit angreifbar. Wenn aber ein Buchstabe einen Körper erhält, kann man alles mit ihm machen, was ein Körper zulässt. Man kann ihn anfassen und allseitig betrachten, hochwerfen, aufschichten, ankleben. Man kann ihn aufessen, wie die Buchstaben in der Suppe. Also kann man ihn auch – so wie hier zu sehen – einmachen. In diesem Falle kann man sich fragen, ob die Buchstaben in Weckgläsern Zeichen der Sorge sind, künftig möglicherweise buchstäblich nichts mehr zu sagen zu haben. Für diesen Fall ist sinnvollerweise Vorsorge zu treffen. Für einen Abgeordneten könnte das übrigens durchaus eine existenzielle Sorge sein, die ans Eingemachte geht. Daher ist ein Vorrat an Buchstaben im Büro gewissermaßen beruhigend.

Allgemein gesagt handeln viele der Schriftstücke von Kommunikation, deren Eindeutigkeit, der Komplikation, der Verweigerung. Kommunikationsmittel sind existenziell wichtig. Sie sind lebensnotwendig. Es ist daher ausgesprochen ratsam, sie verfügbar zu haben und zuzubereiten wie Lebensmittel im Einmachglas, um sie dann zum richtigen Zeitpunkt nutzen zu können.

In der Arbeit mit den Einmachgläsern erprobt Renate Wiedemann auf unkompliziert witzige Weise das Prinzip, mit wechselnden Perspektiven umzugehen. Sie zeigt hier die Materialisierung des gewöhnlich Immateriellen oder anders gesagt, die ungewöhnliche Transformation potentiell bedeutungsvoller Zeichen in gewöhnlich bedeutungsoffene plastische Objekte.

Die Buchstaben sind befreit von der Konvention, solche sein und Worte bilden zu müssen, um lesbar zu werden. Vielmehr verwandeln sie sich in vielgliedrig verästelte Körper, die wie fernöstliche Delikatessen oder sich selbst zersetzendes Wurzelwerk erscheinen.

Und zum Ende der Rede:

Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir noch eine letzte Bemerkung. Eine Rede zu Arbeiten wie diesen darf nicht schließen, ohne die Gutenbergstadt Mainz erwähnt zu haben. Für Künstlerinnen und Künstler, die mit Schrift arbeiten, gibt es in Mainz nur einen angemessenen Ausstellungsort. Es ist nicht das Gutenberg-Museum, wie man fälschlich meinen könnte. Es sind auch nicht die Bibliotheken der Stadt, nein, es ist einzig und allein das Abgeordnetenhaus. Keinem anderen Ort in Mainz muss so sehr wie diesem immer aufs Neue mit leuchtenden, lichtvollen Beispielen eingeprägt werden, wie wichtig es ist, frei, intelligent, respekt- und lustvoll, mit einem Wort – überzeugend – so, wie wir es hier sehen, mit Buchstaben, Worten und Sätzen umzugehen.

Renate Wiedemann (links) mit BesucherInnen vor ihren Arbeiten

Foto von der Installation „bottles in contact“

Die Veranstaltung wird gefördert von der Sektkellerei Schloß Wachenheim.