Nils Dräger
Nils Dräger, Mainz
Eröffnung des „Bibliothekenprojekts“ von Nils Dräger in der Stadtbibliothek Mainz
Die Bücher von Nils Dräger im Lesesaal der Stadtbibliothek Mainz
Künstlerisches Projekt zum Tag der Bibliotheken in Mainz
Hinter dem Projekt steht folgendes künstlerische Konzept: Nils Dräger, Absolvent des Meisterschülerstudiums Bildhauerei an der Akademie der Künste Mainz, hat 50 identische Exemplare eines leeren Buches herstellen lassen. Die Seiten sind aus weißem Hochglanzpapier, der Einband fest gebunden und weißlackiert. Durch diese Form werden die Objekte als in sich geschlossen wahrgenommen. Jedes Exemplar ist als eine Plastik zu sehen, die lediglich der äußeren Form nach einem Buch gleicht.
Die Buch-Objekte wurden Bibliotheken deutschlandweit zur Einarbeitung angeboten (ein „Exot“ hierbei ist die Bibliothek des Goethe-Instituts in Addis Abeba). Bisher haben sich 23 Bibliotheken an dem Projekt beteiligt, indem sie ein Exemplar in ihren Bestand aufgenommen haben – von Stadtbüchereien über Regional- und Universitätsbibliotheken bis hin zu Forschungsbibliotheken.
Bei der Einarbeitung erhielt jedes identisch gefertigte Exemplar durch Signatur, Strichcode und Stempel der jeweiligen Bibliothek eine spezifische Prägung, die mit seinem Standort zusammenhängt.
In der dritten Phase des Projekts wurden die Einzelobjekte per Fernleihe wieder zusammengeführt, um sie gemeinsam auszustellen. Die „Bücher“ waren so keine in sich geschlossenen, autonomen Objekte mehr, sondern Einzelteile einer Installation, die mit den Räumlichkeiten der Stadtbibliothek zusammen wirkte, jedoch nur für eine kurze Zeit als Ganzes zu sehen war. Nach der Ausstellung wurde die Installation wieder in ihre Einzelteile zerlegt, die dann in ihre Heimatbibliotheken zurückgingen. Eröffnet wurde die Ausstellung mit einem Pressetermin, bei dem Nils Dräger, Manfred Geis, MdL, als Schirmherr des Projekts, Prof. Ullrich Hellman von der Akademie der Künste Mainz und Silja Geisler-Baum, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Bibliothek, das Projekt vorstellten und damit auf großes Interesse stießen.
Zentraler Bestandteil der künstlerischen Idee ist die Funktionsweise von Bibliotheken im Bereich Medienbearbeitung (Individualisierung der ursprünglich identischen Objekte) und Fernleihe (Zusammenbringen der Einzelteile zu einem Ganzen), womit Dräger wichtige Schritte zur Vollendung seines Kunstwerks aus den Händen gegeben hat. Bemerkenswert sind die unterschiedlichen Möglichkeiten, wie die einzelnen Bibliotheken ihr Exemplar eingearbeitet haben. Die ursprünglich identischen Objekte sind nicht nur durch Strichcode, Stempel und Signatur individualisiert, sondern sie wurden auch in den Titelaufnahmen unterschiedlich bearbeitet. Diese unterscheiden sich meist nur in Details, in einer Frage allerdings auch ganz grundsätzlich: So ist das Werk von den meisten Bibliotheken als einbändiges Werk, das in einer Auflage von 50 Exemplaren erschienen ist, aufgefasst worden. Man kann es aber auch als 50-bändiges Werk betrachten, wovon jeder einzelne Band in nur einem Exemplar erschienen ist (auch das haben einige Bibliotheken getan). Die Mainzer Stadtbibliothek hat sich für die erste Variante entschieden – andernfalls hätten alle 50 Bände als Pflichtexemplare an sie abgeliefert werden müssen, betrachtet man das Werk als Publikation und nicht als reines Kunstobjekt.
Für die Stadtbibliothek Mainz war die Beschäftigung mit dem Projekt insgesamt eine Bereicherung. Je intensiver, desto interessanter wurde sie. Dabei spielt auch die Fernleih- und Ausstellungsphase des Projekts eine wichtige Rolle, denn mit der Aufnahme des „Buches“ in den Bestand ist nur ein Teil der Projektidee erfüllt. Zwar wird das System der Fernleihe hierbei zweckentfremdet – dient es doch eigentlich der wissenschaftlichen Literaturversorgung. Gleichzeitig macht das Projekt aber auch dessen Funktionieren auf im wahrsten Sinne des Wortes plastische Weise deutlich.
Silja Geisler-Baum


