Geis fordert Umdenken von CDU: Ja zur Karl Marx-Ausstellung

02.02.2015

Am 5. Mai 2018 jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag von Karl Marx, der in Trier geboren wurde. Deshalb planen das Land Rheinland-Pfalz, die Stadt Trier, die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Bistum Trier ein Programm, vor allem mit einer großen Ausstellung.
Die Landes-CDU hat dies kritisiert und einen Zusammenhang hergestellt zu fehlenden Mitteln für die ehrenamtliche Kulturförderung und für die Polizeiausstattung im Land.
Manfred Geis und Barbara Schleicher-Rothmund haben für die Fragestunde des Landtags am 29.1.2015 einige Fragen an das zuständige Ministerium gestellt, die von Staatssekretär Walter Schumacher beantwortet wurden.

Anlässlich der Debatte um die Karl-Marx-Ausstellung in Trier erklärt Manfred Geis, der kulturpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion: "Es ist der Bedeutung von Karl Marx absolut angemessen, sich mit seiner Person und der geistigen Grundlage des Kommunismus ernsthaft auseinanderzusetzen. Marx hat als Wissenschaftler und Philosoph weltweite Bedeutung. Es ist daher nur richtig, wenn in Trier eine große Karl-Marx-Ausstellung veranstaltet wird, die gemeinsam von Land, Stadt, Friedrich-Ebert-Stiftung und katholischer Kirche organisiert wird." Geis forderte die CDU auf, ihre ablehnende Haltung abzulegen.

Geis kritisierte, dass die CDU Karl Marx in Haftung nehmen wolle für alle schrecklichen historischen Fehlentwicklungen durch Gruppen oder Bewegungen, die sich auf ihn bezogen haben. "Politische Theorien und historische Entwicklungen so zu vermengen und zu verbiegen, ist ungut und unredlich. Dass die Landes-CDU versucht, daraus Kapital zu schlagen, ist unangemessen."

Das Marx-Jubiläum habe auch eine wirtschaftspolitische und touristische Dimension, betont Geis. "Es ist offenkundig, dass, wie bei der erfolgreichen Konstantin-Ausstellung, eine hohe internationale Aufmerksamkeit für diese Ausstellung zu erwarten ist, die auch der Geschäftswelt in Trier nutzen wird."

In der Fragestunde des Landtags hat Kulturstaatssekretär Walter Schumacher nach einer Anfrage der Abgeordneten Geis und Schleicher-Rothmund die kulturell, wirtschaftlich und touristisch sinnvollen Aktivitäten zum 200. Geburtstag von Karl Marx in Trier vorgestellt. 2018 soll unter anderem eine große Sonder-Ausstellung veranstaltet werden.

 

Eine Aussprache zur Fragestunde fand nicht statt, deshalb konnte Manfred Geis diese vorgesehene Rede nicht halten:

Ja, liebe CDU,

das ist schon schwierig, ständig den Sozialismus zu Lande, zu Wasser und in der Luft bekämpfen zu müssen, wie es Ihr Großer Vorsitzender dekrediert hat..

Man kann sich leider auch schrecklich blamieren dabei und das ist Ihnen zweifellos gelungen bei diesem Kampf gegen den historischen Marx und den vermeintlich aktuellen Marxismus der Landesregierung, der Stadt Trier, der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Bistums Trier.

Ich war gestern bei der Trauerfeier für meinen alten Professor Hermann Weber, bei dem ich in Mannheim studiert und gearbeitet habe. Er war in seiner Jugend ein Kommunist, wurde wegen seiner politischen Aktivitäten in der Bundesrepublik der frühen 50er ins Gefängnis gesteckt, er hat sich weitergebildet, vom Kommunismus gelöst, blieb ein demokratischer Sozialist, ein Sozialdemokrat sein langes Leben lang.

Er hat sich als Wissenschaftler mit der Geschichte des deutschen Kommunismus und der DDR beschäftigt und wurde zum bestgehassten Historiker der Bundesrepublik für die DDR, weil er nachweisen konnte, wie der Kommunismus in Deutschland nach sowjetischem Vorbild degenerierte, sich stalinisierte und ein diktatorisches Regime aufbaute.

Ein Gegner der kommunistischen Entwicklung wurde Hermann Weber, weil er sich mit Marx, den geistigen Grundlage des Kommunismus und seiner Geschichte ernsthaft auseinandergesetzt hat, nicht weil er sie ignoriert hat.

Es ist jetzt sicher nicht die Stunde zu einem historisch-politischen Kolleg, wobei das vielleicht gar nicht so unnötig wäre …

Die Vereinnahmungen, Simplifizierungen und Dogmatisierungen von Karl Marx und seinen Theorien begann schon zu seinen Lebzeiten. Friedrich Engels überliefert den bekannten Satz von Karl Marx: „Ich weiß nur dies, dass ich kein Marxist bin.“

Ihn in Haftung zu nehmen für alle schrecklichen Fehlentwicklungen, die sich auf ihn berufen, wird der wissenschaftlichen und auch der politischen Bedeutung von Marx nicht gerecht.

Nur noch eine Verunsicherung vielleicht: Die Nazis und ihre Gestapo verfolgten sozialdemokratische Widerstandskämpfer in Abgrenzung zu den Kommunisten unter der Bezeichnung „Marxisten“.

Es ist also alles ein bisschen komplizierter.

Wissen Sie, politische Theorien und historische Entwicklungen so zu vermengen und zu verbiegen, dass man aktuellen politischen Nutzen daraus ziehen kann, hat eine ungute, ja gefährliche Tradition. Es ist unangemessen, um es vorsichtig auszudrücken, in dieser Weise die politische Auseinandersetzung zu führen.

Und was ist das denn für eine seltsame Form mit Versatzstücken zu arbeiten, mit Reizwortbrocken, die gegenübergestellt werden ohne den geringsten Bezug: Was hat denn die Marx-Ausstellung mit der Polizeiausstattung des Landes zu tun, damit noch vermengt die ehrenamtliche Kultur - im Zettelkasten ist Ihnen offenbar das Stichwort Arp-Museum abhanden gekommen, das wär auch noch ein Skandalisierungs-Begriff gewesen. Nee, das ist nix.

Die geplante Ausstellung setzt sich auseinander, sicher auch kritisch, mit einem der bedeutendsten deutschen Wissenschaftler und einem der sicher politisch wirkmächtigsten, geboren in einer ehrwürdigen Stadt, die jetzt zu Rheinland-Pfalz gehört, Trier. Da sind viele interessante und wichtige Menschen geboren, auch Oswald von Nell-Breuning, der Nestor der katholischen Soziallehre.

(in Klammer: Ihr Parteifreund Heiner Geißler bekommt 2015 den Oswald von Nell-Breuning-Preis der Stadt Trier, der vergeben wird im Promotionssaal des Bischöflichen Priesterseminars – in diesem Saal haben Karl Marx und Oswald von Nell-Breuning ihr Abiturprüfung abgelegt).

Und dieser Oswald von Nell-Breuning hat sich immer auseinandergesetzt mit Karl Marx, hat in einem Aufsatz in den 1950er Jahren geschrieben: „Wir Katholiken scheuen uns nicht, anzuerkennen, dass Karl Marx uns für manche Erscheinungen, die wir nicht rechtzeitig und nicht scharf gesehen hatten, den Star gestochen …“.

Diese Tradition kann man noch ein bisschen fortführen. Ein ehemaliger Trierer Bischof, der heute Kardinal ist, zu von Nell-Breuning: Er „hat das umstrittene Wort gesagt: Wir stehen auf den Schultern von Karl Marx. Da hat es heftige Kritik gegeben. Aber er hatte recht. …Wir stehen alle auf seinen Schultern, weil wir uns in der Geschichte und in der Geistesgeschichte an ihm abarbeiten – positiv oder negativ. In seiner Analyse der Situation im 19. Jahrhundert kommt Marx auf viele Punkte, die unbestritten sind.“ Reinhard Marx heißt der Kardinal, Sie wissen es.

Man könnte so weitermachen. Ich wünsche mir, Sie merken, dass Sie gewaltig auf dem Holzweg sind mit ihrer kleingeistigen Kritik an diesem Ausstellungsvorhaben.

Eine Ausstellung ist etwas Kulturelles, deshalb habe ich jetzt einiges als Kulturpolitiker sagen dürfen, aber dieses Vorhaben hat natürlich auch eine wirtschaftspolitische und touristische Dimension, die ich für mich als Begründung für die Sinnhaftigkeit nicht bräuchte, aber es ist doch offenkundig, dass, wie bei der erfolgreichen Konstantin-Ausstellung (wahrlich auch kein ungebrochenes Vorbild für Demokraten), eine hohe internationale Aufmerksamkeit für diese Ausstellung zu erwarten ist, wahrscheinlich eine noch höhere (ich sage nur „China, China, China“), die dem Image des Landes und der Stadt Trier gut tut – und der Geschäftswelt in Trier sicher nicht schadet. Die CDU Trier weiß das, die Hoteliers in Trier wissen das – nur der CDU-Landesverband weiß das nicht. Es ist ja nicht nur so, dass man davon ausgehen kann, dass Eintrittsgelder und andere Einnahmen der Ausstellung die direkten Ausgaben schon aufheben, sondern dass auch die Wertschöpfung in der Stadt und der Region sicher viele Millionen beträgt. Wenn Ihnen also der Ausstellungspatron nicht passt, das versteh ich ja, die wirtschaftliche Bedeutung wenigstens hätten Sie sehen können.

Fazit, wohlmeinend: Seien Sie doch ein bisschen vorsichtiger bei der Formulierung Ihrer politischen Konfliktthemen – bei diesem Vorstoß haben Sie unseren Berufsstand insgesamt diskreditiert.