Praktikanten bei Manfred Geis: Helena Geisler

07.12.2014

In der Zeit zwischen ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in der Kultur (FSJ Kultur) und dem Studium wollte Helena Geisler Kultur- und Bildungspolitik am Entstehungsort kennenlernen. Deshalb machte sie ein dreiwöchiges Praktikum bei Manfred Geis. Ihre Erfahrungen hat sie in einem lesenswerten Bericht festgehalten:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Dienstag

Mein Praktikum beginnt ohne den Abgeordneten, mit den netten Pförtnern. Diese weisen mir erst den Weg ins Abgeordnetenbüro, dann in den Saal 7 des Landtags, wo der Ausschuss für Integration, Familie, Kinder und Jugend tagt. Dort fällt mir besonders der höfliche Umgang auf, gerade bei sehr kritischen Nachfragen wird sich erst einmal für diese bedankt. Auch wird mir bewusst, wie wenig ich über Asylrecht und Integrationsmaßnahmen in Kindertagesstätten weiß. Allerdings wissen auch in den Ausschüssen nicht alle alles, deshalb hat jeder seine wissenschaftlichen Mitarbeiter und nutzt einen solchen Ausschuss auch, um sich gegenseitig auf den neusten Stand zu bringen, um Anfragen zu beantworten und weitere Maßnahmen zu besprechen. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Regierung haben, wenn ihr Spezialgebiet Thema ist, anscheinend auch während des Ausschusses Rederecht und können Fragen der Fraktionen beantworten. Somit ist es kein Fehler, etwas nicht zu wissen, sondern eher, etwas nicht nachzufragen. Probleme entstehen also erst durch fehlende Nachforschung und Kommunikation.

Manfred Geis begleite ich nun zum Sommerfest der Fraktion, wo sich die meisten nach der Sommerpause zum ersten Mal wiedersehen. So gibt es neben Essen und Trinken dementsprechend viele Gespräche über Sommer und Politik, hier lerne ich auch den Staatssekretär im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, Walter Schumacher, kennen. Er ist der Erste, dem ich die Einsatzstelle meines FSJ Kultur, die Malschule der Kunsthalle Emden, nicht näher erläutern muss, zumindest die Kunsthalle Emden ist ihm direkt ein Begriff.

Als sich die Ministerpräsidentin auf den Weg zur Staatskanzlei macht, brechen auch Manfred Geis und ich in diese Richtung auf. Denn dorthin hat die Ministerpräsidentin zusammen mit der Umweltministerin zum Empfang anlässlich des in Mainz stattfindenden Deutschen Naturschutztages eingeladen. Von einem der Organisatoren werden wir darüber informiert, dass sich hier hauptamtliche Naturschützer aus ganz Deutschland zusammengefunden haben, um in den nächsten Tagen verschiedene Vorträge, Diskussionen und Workshops im Bereich Naturschutz zu besuchen. Währenddessen hat sich, denn Terminkoordination ist nicht einfach, der Ausschuss für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten aber zu einer Informationsfahrt nach Dänemark zusammengefunden, um dort in diesen Tagen unter anderem das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Fischerei zu besuchen.

Einige der Naturschützer lernen wir am Buffet kennen, Menschen, die mit Leidenschaft über ihren Beruf sprechen, aber sich auch an anderen Themengebieten sehr interessiert zeigen, gerade an der Politik, die hier heute ja nicht stark vertreten ist.

Mir wird bewusst, dass so ein Empfang für einen Politiker nichts Besonderes, aber wichtig ist, das Buffet nicht einmalig, aber ein Grund mehr dafür ist, an so einem Empfang präsent zu sein.

Nach den Häppchen und Gesprächen (sehr schwierig, sie nicht zu vermischen) folgt die Büroarbeit am späten Abend. Denn eine große Menge an elektronischer und gedruckter Post wartet nun auf ihre Bearbeitung.

Auch wegen „Kunst im Abgeordnetenbüro“ sind unter den Absendern etliche Künstler. Für die nächste Ausstellung möchte einer mehr über das Aufhängesystem in Büro und Flur wissen, weshalb ich lange nach Sonnenuntergang, während andere Abgeordnete gemütlich zusammensitzen, vom Pförtner eine Leiter und damit Haken von der Wand hole.

 

1. Mittwoch

Am nächsten Morgen bespreche ich mit Manfred Geis beim Frühstück die Aufgaben und Veranstaltungen der nächsten Tage, bevor es für ihn zur Ausschussfahrt nach Rom und für mich nach der Namensschildbeschaffung zur Fraktionssitzung geht. Die fängt damit an, dass einer redet und kaum einer zuhört, es geht um die Frage, ob Praktikanten als mögliche Whistleblower von den Sitzungen ausgeschlossen werden sollen. Doch die Frage wird erst später, ohne die Praktikanten, weiter diskutiert. So spricht man stattdessen über die allgemeine landespolitische Situation, die Reaktionen der Presse und der Opposition. Besonders fällt mir dabei der lockere Umgang untereinander und die lockere, umgangssprachliche Redeweise der Ministerpräsidentin auf.

Man einigt sich auf gemeinsame Vorgehensweisen und bespricht, was man seinem Wahlkreis sagt, um als Partei geschlossen einer Linie zu folgen.

Als die Sitzung für mich zu Ende ist, kümmere ich mich um die Post, bis der Arbeitskreis für Gleichstellung und Frauenförderung beginnt. Dort sitzen nur Frauen, erst zwei, dann drei, dann vier, dann fünf. Die meisten kommen mit Essen dazu, denn für das Mittagessen gibt es keine festgelegte Pause.

Es wird in diesem Arbeitskreis kurioserweise anfangs hauptsächlich über Benachteiligung der Männer und Probleme der Frauenquote gesprochen. Bevor es aber zum nächsten Punkt der Tagesordnung geht, gehe ich in den nächsten Arbeitskreis, den für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur. Hier wird der kommende Ausschuss vorbereitet. Punkt 1 der Tagesordnung ist Aktuelles, danach werden Stellungnahmen zum neuen Bibliotheksgesetz besprochen. Da wird mir bewusst, warum so viele Juristen unter den Abgeordneten sind: Als Mitglied des Landtags muss man nicht nur viel reden, schreiben und lesen, sondern bei den Gesetzesentwürfen ist es auch hilfreich, juristische Feinheiten zu unterscheiden und juristische Vorgehensweisen zu überlegen, voraussagen und erklären zu können.

Dieser Arbeitskreis ist der einzige, in dem ich teilweise weiß, worum es geht, weil ich mitlesen kann. Ich habe nämlich zwei Stellungnahmen zu dem Bibliotheksgesetz vorliegen, da es meinem Abgeordneten gerade als engagiertem Vorsitzendem des rheinland-pfälzischen Bibliotheksverbandes besonders am Herzen liegt. Denn während die Abgeordneten die meisten Dokumente, die sie ausgedruckt aus ihrem Postfach bekommen, auch online abrufen können und zu Beginn der Sitzungen nochmals Papiere verteilt werden, sitzen die Praktikanten oft mit leeren Händen da und müssen versuchen, sich die Zusammenhänge zu erschließen. Die Stellungnahmen selbst sind aber ohne das Gesetz auch nicht direkt einleuchtend, ich frage mich, wie viel Geld die Verfasser solcher speziellen Texte dafür bekommen.

 

1. Donnerstag

Am nächsten Tag, im nächsten Arbeitskreis, fällt mir als Erstes die schlechte Frauenquote auf, wir sind hier zu zweit. Ich bin im Arbeitskreis für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung, der den in einer Stunde tagenden Ausschuss vorbereitet.

Dort haben die jüngeren Abgeordneten ein Tablet und kein einziges Papier vor sich liegen, während es bei den meisten anderen eher umgekehrt der Fall ist. Das Tablet hat aber auch den Vorteil, dass man seine Worte mit gerade gegoogelten Statistiken belegen kann. Hier zeigt sich wieder, wie gerne die Politiker doch reden: Auch wenn sich alle einig sind beziehungsweise es überhaupt keinen Erläuterungsbedarf gibt, erzählt jeder dazu noch einmal in seinen Worten das Gleiche. Wahrscheinlich wird man sonst nicht wahrgenommen, also lieber zu viel als zu wenig reden, auch wenn es nichts zu sagen gibt. Ich verstehe nun, warum manche meiner Lehrer so sehr darauf bestanden haben, dass jeder seine Meinung sagt; sie zu äußern, auch wenn es niemanden weiterbringt, ist nämlich sicher auch für andere Berufe bedeutsam.

Als das Telefon im Sitzungssaal klingelt, wandern wir alle vom Abgeordnetenhaus in den Landtag, weil die nächsten für die zukünftige Machtverteilung in Rheinland-Pfalz sicher sehr bedeutsamen Tagesordnungspunkte zusammen mit dem dort tagenden Innenausschuss behandelt werden sollen. Hier fällt allen auf, was die Raucher als Erstes aussprechen, nämlich wie stickig es in diesem Raum ist. Klar, bei so vielen Leuten: den Gästen, der Presse, den Mitarbeitern, der Regierung und den Mitgliedern beziehungsweise deren höhergestellte Vertreter der beiden Ausschüsse.

In der öffentlichen Sitzung geht es nun um das Insolvenzverfahren der Flughafen Zweibrücken GmbH und den Masterplan Südwestpfalz. Diese Themen können über das Schicksal der Regierung und der Opposition entscheiden. Dementsprechend hitzig sind die Debatten, was die Presse sicher freut. Der Innenminister verliest die zehnseitige Beantwortung der Fragen der Opposition, die Presse schreibt mit. Die Opposition zieht immer wieder Parallelen zu vergangenen Fehlern der Landesregierung und zeigt mit Freude aktuelle Fehler auf, beruft sich dabei auch auf Pressekommentare. Interessant finde ich hier das Verhalten bei den gegenseitigen Anschuldigungen, denn die Beschuldigten widmen dabei ihre größte Aufmerksamkeit ihrem Kaffee oder Handy.

Wie viel Geld in ein Projekt investiert wurde, beweist nach der Meinung der Regierenden auch, wie wichtig einem dieses Projekt ist. Als die Tagesordnungspunkte schließlich abgeschlossen sind, einigt sich der Innenausschuss auf eine Mittagspause und der Wirtschaftsausschuss auf eine Vertagung. Somit entschließe ich mich ebenfalls zu einer Mittagspause und zu einer Vertagung.

 

2. Dienstag

Meine nächste Woche startet wieder an einem Dienstag, da ich am Tag vorher noch bei der Auftaktveranstaltung für das FSJ Kultur 2014/15 in Hannover mitwirke.

Nach Durchsicht der Post geht es in den Arbeitskreis „Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur“, danach direkt in den Ausschuss. Für Manfred Geis ist das sehr bedeutend, da er die Sitzung und das Anhörverfahren zum Bibliotheksgesetz leitet. Für seine Ausschussmitglieder ist es aber anscheinend nicht sehr bedeutend, da sie nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Weil sie ihre Anwesenheit mit der Unterschrift bestätigen können, bekommen sie keine Gehaltsabzüge, die bei dem Fernbleiben der eigenen Ausschüsse drohen.

In der Sitzung fällt mir noch einmal auf, dass die männlichen Mitglieder egal welcher Partei selten nicht im Hemd und Jackett erscheinen, während es bei den Frauen anscheinend keine ungeschriebene Kleiderordnung gibt, nur einigermaßen schick sollte es sein. Nach dem Ausschuss stelle ich fest, dass der Fahrstuhl wohl der bestinformierte Ort des Abgeordnetenhauses ist, da hier die Fraktionen so manche Informationen und Meinungen austauschen.

Wir gehen nach kurzer Zeit wieder in den Landtag, denn der Erzbischof a. D. der polnischen Partnerregion spricht anlässlich „75 Jahre deutscher Überfall auf Polen“ über den Weg „vom Beginn des zweiten Weltkrieges zur polnisch-deutschen Versöhnung“. Dabei wird mir manches über Vertreibung, Vernichtung und Versöhnung bewusst, was ich in der Schule nicht gelernt habe. Der ehemalige Erzbischof berichtet von der Kraft der Kirche bei der Aussöhnung, denn „Rache lässt Wunden nicht verheilen“. Er spricht aber auch davon, dass „die Narben wieder aufgerissen werden“, wenn es zu unbedachten Bemerkungen der Deutschen über ihre östlichen Nachbarn kommt, oder die Polen im deutschen Fernsehen als „naive Semiten“ dargestellt werden. Somit habe ich genug Stoff zum Nachdenken, als wir uns auf den Weg zum Theaterfestival Grenzenlos Kultur machen.

Dort sehen wir ein Musik-Theater von Theater RambaZamba, einer Gruppe von Schauspielern und Musikern mit und ohne Downsyndrom. In dem grotesken Stück „Am liebsten zu dritt“ werden die Zuschauer mit selbstverfasstem Lied und selbstironischem Spiel zum Nachdenken über die pränatalen Bluttests, Abtreibung und Inklusion angeregt. Wer kann über den Sinn eines Lebens entscheiden?

 

2. Mittwoch

Der nächste Tag beginnt mit der Fraktionssitzung, als erstes wird den Geburtstagskindern gratuliert, dann werden die Themen für die kommende Plenarsitzung besprochen. Anschließend lerne ich beim Mittagstisch der „Marokkanerin“, dem Lieblingslokal von Manfred Geis, noch die Lebensgeschichte meines Abgeordneten kennen, damit ich verstehe, wie ein fußballbegeisterter Junge vom Land Freund und Förderer der Hochkultur wird.
 

Nach einer Pressemitteilung über die gelungene Anhörung anlässlich des Bibliotheksgesetzes geht es für uns dann ins Kulturministerium, da wir von dort mit dem, wie ich bald merke, sehr belesenen künstlerischen Leiter des Kultursommers zu dem Vorbereitungsgespräch des Kultursommers fahren. Hier kommen vor allem interessierte Künstler zusammen, um zu verstehen, welche Förderprogramme es gibt und Ideen auszutauschen. Besonders die Rückfahrt bei einem Künstlerehepaar ist sehr unterhaltsam.

 

2. Donnerstag

Am nächsten Tag befassen wir uns nach der Post mit der Presse und Pressemitteilungen, bevor der Künstler der nächsten Ausstellung vorbeikommt. Seine Buchillustrationen, mit denen er den Gestalterpreis der Büchergilde gewonnen hat, werden bald auch im Abgeordnetenhaus zu sehen sein. Er hat die wie gedruckt wirkenden Originale mitgebracht, man kann hier bei genauem Hingucken aber die einzelnen Finelinerstriche erkennen. Auch seine Skizzen, die Überlegungen zu den einzelnen Charakteren und seine Ausbesserungen, dürfen wir anschauen.

Mit dem Künstler gibt es viel zu besprechen, sodass die angekündigten nächsten beiden Künstlerinnen auch schon bald im Büro stehen. Sie sind schon einen Schritt weiter, haben durch ihre Ausstellung im Abgeordnetenbüro das Interesse des Landes an ihrer Kunst geweckt und jeweils eine Arbeit verkauft.

Deshalb gehen wir nun mit einer Flasche Sekt ins Kulturministerium, wo sie ihre Werke und Rechnungen übergeben. Hier sehe ich auch das nicht gerade winzige Büro des Staatssekretärs mit Panoramablick über Mainz.

 

3. Dienstag

In meiner letzten Praktikumswoche bin ich nicht mehr alleine Praktikantin, wir sind nun zwei Helenas. Nach der Postbearbeitung durch das wichtigste Utensil, den Papierkorb, geht es wieder in das Ministerium für Kultur. Diesmal sehe ich eine Pförtnerin, die uns aber auch nicht so genau sagen kann, wo wir hin wollen. Doch wir finden trotzdem den Raum, in dem wir uns mit dem Kulturbüro Rheinland-Pfalz, welches das FSJ Kultur und die Jugendkunstschulen koordiniert, und dem dafür zuständigen Mitarbeiter des Ministeriums treffen.

Da ich gerade aus einem FSJ Kultur in einem anderen Bundesland komme, darf ich nach dem Wunsch unseres Abgeordneten auch kurz von meinem FSJ Kultur und der seiner Einschätzung nach vorbildlichen Vernetzung der FSJler erzählen.

So richtig interessiert zeigt sich aber keiner, es wird anschließend nur rechtfertigend gesagt, dass das FSJ Kultur im Allgemeinen und Kunstschulen im Speziellen in Niedersachsen ja eine längere Tradition haben, es aber umgerechnet auf die Einwohnerzahl in Rheinland-Pfalz sogar eher mehr Einsatzstellen für das FSJ Kultur gibt. Zum Beispiel durch die Auftaktveranstaltung, wie es sie in Niedersachsen gibt, und auch die T-Shirts, die wir da getragen haben, wird aber auf das FSJ Kultur aufmerksam gemacht, was für die anderen Bundesländer auch von Bedeutung sein sollte.

In dem folgenden Gespräch geht es dann um die Qualitätskriterien einer Jugendkunstschule, was mich als ehemalige Mitarbeiterin einer Kunstschule natürlich sehr interessiert, von Manfred Geis werde ich auch zu Anmerkungen ermutigt. Dabei hört mir weiblicher Praktikantin aber nur die weibliche Seite des Kulturbüros zu und antwortet eher ausweichend.

Ich merke auch, wie gut wir es als Praktikanten bei Manfred Geis haben, da die Praktikantin des Ministeriummitarbeiters zumindest in dieser Sitzung nur für ausreichend Wasser und Gläser auf dem Tisch, für Kopieren und Aufschreiben zuständig, dem Ton nach ein ganz kleiner Mensch ist.

Um die Qualitätskriterien für Jugendkunstschulen in Rheinland-Pfalz festzulegen, beschließt man dann, die der anderen Länder mit den Strukturen vor Ort weiter zu vergleichen.

Anschließend gehen wir Helenas zum nächsten Arbeitskreis, wo es um das Lehrerbildungsgesetz geht. Für uns auch deshalb interessant, da unsere eigene Schulzeit ja noch nicht so lange zurückliegt. Hier merken wir wieder, wie gerne Politiker reden und wie lange sie manchmal brauchen, um auf den Punkt zu kommen. Erst wird über einzelne Passagen, dann Sätze, Wörter, schließlich über einzelne Silben des Gesetzes diskutiert. So ist es kein Wunder, dass die Gesetzgebung ein langer Prozess ist.

Wir fragen uns auch, warum es überhaupt die unterschiedlichen Studiengänge für die Lehrerausbildung der unterschiedlichen Schulformen gibt, wenn das Ziel ist, dass der Wechsel für die Lehrer an andere Schulformen einfacher wird. Zum ersten Mal sehe ich hier, zumindest von weitem, Papiere mit der Aufschrift „Vertraulich“ quer über das ganze Blatt gedruckt. In welche falschen Hände diese Dokumente wohl gelangen können?

Nach dem Ausschuss gehen wir zum Mittagsimbiss zu „Annabatterie“, einem anderen Lieblingslokal von unserem MdL, dort machen wir wie überall auch wieder gut Werbung für die nächste Ausstellung im Abgeordnetenbüro. Danach werden wir lustigerweise von einer Grünen-Reporterin angesprochen, ob wir zu einem Interview („Was ist für Sie typisch grün?) bereit wären. Als SPD-Abgeordneter und Werber seiner Ausstellungsreihe schließt Manfred Geis mit ihr den Kompromiss, ein Interview zu geben, wenn sie zu der Ausstellungseröffnung kommt.

Helena und ich gehen nun zum Arbeitskreis für Medien und Netzpolitik, den ein Abgeordneter Anfang 30, der aber schon seit zehn Jahren MdL ist, leitet. Hier können wir nicht immer folgen, weil wir die Hintergründe der Themen, über die geredet wird, nicht kennen.
Als wir zurück in das Abgeordnetenbüro kommen, treffen wir eine Sängerin an, die von ihrem Traum, Kindern Musik näher zu bringen, erzählt. Schließlich unterstützen wir sie dabei, Ideen zur Verwirklichung eines Musikkindergartens zu finden, bis sie plötzlich sagt, dass sie gar nicht vorhat, einen zu gründen, sie habe nur gesagt, was wäre wenn. Da wir nun alle verwirrt sind, beschließt sie, uns das am nächsten Tag bei der Ausstellungseröffnung noch einmal näher zu bringen.

Wir machen uns jetzt auf den Weg zu einer Literaturpreisverleihung. Der Gerty-Spieß-Preis wird an Navid Kermani verliehen, der dieses Frühjahr auch im Bundestag eine Rede gehalten hat. In der Laudatio geht es aufgrund der jüdischen Namensgeberin des Preises auch viel über jüdische Kosmopoliten. Interessant ist, dass die Laudatorin in der Negation der Diaspora, auf die sich der Staat Israel gründe, auch eine Aberkennung der Kultur, die dabei entstanden ist, sieht. Noch interessanter finde ich allerdings die Geschichten, die der Preisträger aus Bagdad zu berichten weiß. Das bringt mich wieder dazu, über die Probleme Deutschlands nachzudenken, vielleicht ist es tatsächlich sein größtes Problem, dass die Deutschen sich nicht bewusst sind, wie gut es ihnen geht und welche Hochkulturen anderer Länder untergehen oder untergegangen sind. Am Schluss sehe ich, dass der Rundfunkbeitrag diese Veranstaltungen finanziert, der Eintritt ist für die kleine Gruppe an Zuschauern durch die Beiträge der großen Gruppe von Beitragszahlern nämlich frei.

 

3. Mittwoch

Der nächste Tag beginnt wie gewohnt mit der Fraktionssitzung, hier wird nun, neben den Themen, auch das Verhalten bei der anstehenden Plenarsitzung besprochen.Diese eröffnet der durchsetzungsstarke Präsident im Plenarsaal, als er zur Ruhe ruft. Seine beiden Nachbarn, die, wie mir später erklärt wird, für die Rednerliste und Redezeit verantwortlich sind, verziehen wie die englische Leibwache während ihrer ganzen Zeit im Sitzungsvorstand keine Miene. Die CDU spricht am Rednerpult von ihrer Aufgabe der Bewahrung der Schöpfung, die sie durch Aktionen der Landesregierung gefährdet sieht, der Gretchenfrage und was sie für „gewichtig und richtig“ hält. Die SPD lobt sich selbst für die Umsetzung ihrer aktuellen Projekte und die Grünen betonen, dass sie an den Fehlern der vergangenen Landesregierung keine Mitschuld tragen.

Während bei den Abgeordneten und der Regierung die ganze Zeit ein ständiges Kommen und Gehen ist, machen auch wir uns am Nachmittag auf den Weg ins Abgeordnetenhaus, um beim Ausstellungsaufbau mitzuhelfen.

Schließlich ist auch die Eröffnung nicht mehr fern, als wir uns gerade eine kleine Pause gönnen wollen, kommen schon die ersten Gäste. Manfred Geis kennt alle beziehungsweise sollte alle kennen, er begrüßt die meisten persönlich und weiß direkt etwas zu erzählen. Auch wir führen bis tief in die Nacht philosophische Gespräche mit verschiedenen Künstlern.

 

3. Donnerstag

Vor dem Plenum am nächsten Tag sehe ich, dass die Politiker auch zwischen Beruf und Persönlichkeit unterscheiden können, denn wie man nach den hitzigen Diskussionen gerade um das Insolvenzverfahren in Zweibrücken nicht mehr erwartet hat, begegnen sich die Parteien außerhalb des Plenarsaals sehr zuvorkommend.

Das Plenum fängt mit einer Fragestunde an, hier haben die Fraktionen nacheinander die Möglichkeit vorher festgelegt Fragen an die Landesregierung zu stellen, nach der Beantwortung darf jeder einzelne Abgeordnete Nachfragen stellen. Das zeitliche Limit beträgt aber, wie man bei dem Namen vermuten kann, genau eine Stunde.

Die Fragestunde beginnt mit dem Bericht über den Rheinland-Pfalz-Takt, damit versucht sich die Landesregierung ins beste Licht zu stellen. Um die unbequemen nächsten Fragen möglichst lange hinauszuzögern, werden von den Abgeordneten der Koalition so viele Fragen gestellt, wie ihnen einfallen. Manche der unbequemen Fragen basieren auch auf Aussagen der Ministerpräsidentin, die in der Presse zu lesen waren. Zu den teilweise absurden Anschuldigungen Stellung zu nehmen lässt sich die Ministerpräsidentin aber nicht herab, sie lässt andere für sich sprechen. Aber als sie einmal redet, ist es im ganzen Saal sofort mucksmäuschenstill.

Auch die Minister lassen sich von Vorwürfen nicht beeindrucken, machen sich durch Sachlichkeit nicht angreifbar. Interessant sind auch die unterschiedlichen rhetorischen Fähigkeiten und Stilmittel der Redner. Dass ein Abgeordneter, der zwar persönlich die Wahl verliert, trotzdem durch den Sieg seiner Partei in den Landtag ziehen kann, wird mir auch erst jetzt wirklich bewusst. Schließlich lernen wir in der Mittagspause noch den „Libanesen“ kennen, bei dem von den Abgeordneten nicht nur Manfred Geis essen geht. Zeitig gehen wir aber wieder zurück, da nun unser Abgeordneter eine Rede hält.

Vorher hatte er sie uns noch einmal zum Durchlesen und Kommentieren gegeben, dass er unsere Anmerkung aber so ernst nimmt und uns am Rednerpult tatsächlich erwähnt, hätten wir wirklich nicht erwartet. Später entsteht Hektik bei den Grünen, als ein Tagesordnungspunkt direkt in den Ausschuss verlegt wird und ihr Redner für den nächsten Punkt fehlt.

Kurios ist auch, wenn die Abgeordneten zwischen ihren Reden zu den Mitarbeitern gehen und sagen, dass ihnen jetzt eigentlich nichts mehr einfällt. Trotzdem können sie dann aber wieder fünf Minuten darüber reden. Wieder verlassen wir die Plenarsitzung vor ihrem Ende, es kommt nämlich die dritte Künstlerin, die ihr Werk nach der Ausstellung im Abgeordnetenbüro an das Land verkauft hat. Diesmal gehen wir ohne Sektflasche in das Kulturministerium, kommen aber mit Weinflaschen hinaus.

Damit endet mein Praktikum bei dem Landtagsabgeordneten Manfred Geis, ich habe wie er Dienstag bis Donnerstag im Landtag verbracht, viel gelernt, gedacht und gehört. Ich bleibe beeindruckt davon, wie offen er auf Menschen zugeht und wie motiviert und engagiert er in der Kulturverbreitung ist.

Allen zukünftigen Praktikanten wünsche ich viel Spaß, viel Sitzfleisch und ein großes Ohr.

Danke Manfred, für das Praktikum, die vielen Themen und Leute, die ich kennenlernen durfte, und Ihnen, lieber Leser, ein großes Dankeschön für das Lesen dieses Praktikumsberichtes!